Der Generalstreik von 1926 gilt auch hundert Jahre später noch immer als mythisches Ereignis – angesichts der relativ geringen Klassenkämpfe in den letzten Jahrzehnten betrachten ihn viele heute durch die rosarote Brille einer fehlgeleiteten Nostalgie. Er gilt als der wohl größte Arbeitskampf in der Geschichte Großbritanniens und dauerte nur zehn Tage (neun, wenn man ab dem 4. Mai zählt), bevor er von der Gewerkschaftsführung abgebrochen wurde. Um die Lehren aus dem Jahr 1926 zu ziehen gilt es zu verstehen, warum er so endete, wie er endete: Mit enttäuschten Hoffnungen und dem Scheitern seiner Ziele.

<h2>Das Großbritannien der Nachkriegszeit</h2>

"_Uns wurde gesagt, dies sei „der Krieg, der alle Kriege beenden sollte“, und zumindest einige von uns glaubten daran. Es mag außerordentlich naiv klingen, aber ich glaube, man musste einfach daran glauben. All der Schlamm, das Blut und die Grausamkeiten ergaben nur Sinn unter der Annahme, dass es das letzte Mal war, dass zivilisierte Menschen dies jemals erdulden mussten. Ich konnte nicht glauben, dass jemand, der das durchgemacht hatte, jemals zulassen würde, dass so etwas noch einmal passierte. Ich dachte, die einfachen Menschen auf beiden Seiten würden sich wie ein Mann erheben und jedem Politiker, der auch nur die Möglichkeit eines Krieges andeutete, einen ins Gesicht zu verpassen._ (Leutnant John Nettleton, Rifle Brigade, zitiert in: Peter Hart, 1918: A Very British Victory, 2009)"

Vier Jahre Weltkrieg hinterließen tiefe Narben in der europäischen Gesellschaft. Revolutionen brachten das Russische und das Deutsche Reich zu Fall, neue unabhängige Staaten entstanden, Grenzen verschoben sich immer wieder und neue Territorialstreitigkeiten flammten auf. Großbritannien, der älteste kapitalistische Staat, konnte einige der auf dem Kontinent herrschenden Unruhen vermeiden und trotz des Osteraufstands in Irland und der Unabhängigkeitsbewegung in Indien sein Überseeimperium weitgehend unter Kontrolle halten.

Dennoch hatten sich in der britischen Gesellschaft tiefgreifende Veränderungen vollzogen. Der Krieg dämpfte die wachsende Welle von Streiks der ArbeiterInnen, die die Zeit der des „_Great Unrest_“ geprägt hatte.(1) Die britische Wirtschaft wurde auf Kriegsproduktion umgestellt, und Patriotismus wurde zur höchsten staatsbürgerlichen Pflicht. Arbeitskampfmaßnahmen in den Kriegsindustrien wurden durch den „_Defence of the Realm Act_“ von 1914 für illegal erklärt, der der Regierung zudem die Befugnis gab, jeden strafrechtlich zu verfolgen, der als Gefahr für die Kriegsanstrengungen angesehen wurde (dennoch kam es weiterhin zu Streiks sowie zu anderen sozialen Kämpfen, beispielsweise gegen Mietsteigerungen oder gegen die Wehrpflicht). Die Tendenz zu stärkeren staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft wurden verstärkt, und die Verbindungen zwischen den Gewerkschaften und dem Staat wurden gefestigt. Da die Männer mobilisiert wurden, wurde der Arbeitskräftemangel durch die Einbindung von Frauen in die Arbeitswelt in einem noch nie dagewesenen Ausmaß ausgeglichen.

Die Unterzeichnung des Versailler Vertrags bedeutete vordergründig eine Rückkehr zur Normalität. Die britische herrschende Klasse erkannte jedoch, dass die Dinge nicht ganz so bleiben konnten, wie sie waren, nicht angesichts der Gefahr einer Revolution, die nach den Ereignissen vom Oktober 1917 über Europa schwebte. Zu diesem Zweck wurde den demobilisierten Soldaten ein „_Land, das Helden würdig ist_“ versprochen. Durch die Ausweitung des Wahlrechts auf alle Männer über 21 und alle Frauen über 30 hoffte die Regierung, den ArbeiterInnen das Gefühl zu geben, dass sie ein Mitspracherecht im System hätten. Die Einführung einiger grundlegender Sozialversicherungen und sozialstaatlicher Maßnahmen zielte darauf ab, die Armut zu lindern und den Menschen den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern. Dies reichte jedoch nicht aus. Was viele Soldaten bei ihrer Rückkehr vorfanden, waren Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und Inflation. Es dauerte einige Zeit, bis sich die britische Wirtschaft an die Nachkriegsrealitäten angepasst hatte, und in der Zwischenzeit wurde von den ArbeiterInnen erwartet, die Kosten zu tragen. Kein Wunder also, dass es zunächst 1919 und dann erneut 1921 zu bedeutenden ArbeiterInnenkämpfen kam. Bergleute spielten dabei eine Schlüsselrolle, und es war ihr Kampf, der den Generalstreik von 1926 auslöste.

<h2>Die Bergleute</h2>

Aufgrund des Krieges begann die Regierung gegen Ende des Jahres 1916, Bergwerke zu verstaatlichen, um die Energieversorgung des Landes sicherzustellen. Den Bergleuten wurden Lohnerhöhungen gewährt, um Streiks zu verhindern und die Belegschaft zu halten (viele meldeten sich zum Militärdienst, um den schrecklichen Arbeitsbedingungen zu entkommen). Mit dem Ende des Krieges sank die Nachfrage nach Kohle drastisch. Zudem zwangen die Alliierten Deutschland im Rahmen des Versailler Vertrags zur Zahlung von Reparationen, zu denen auch Kohlelieferungen gehörten. Die europäischen Märkte wurden nun überschwemmt, wodurch der Kohlepreis ins Bodenlose fiel. Dies hatte verheerende Auswirkungen auf die britische Kohleindustrie – Angriffe auf die Arbeitsbedingungen der Bergleute wurden folgerichtig als gangbarer Lösungsweg angesehen. Im März 1921 gingen die Bergwerke wieder in den Besitz ihrer privaten Eigentümer über, die den Bergleuten sofort niedrigere Löhne und längere Arbeitszeiten auferlegten. Bergleute, die sich weigerten, die neuen Bedingungen zu akzeptieren, sahen sich mit dreimonatigen Aussperrungen konfrontiert. Und dann, am 15. April 1921, weigerten sich die Eisenbahn- und Transportgewerkschaften, die Bergleute zu unterstützen, und brachen damit im Wesentlichen die sogenannte „_Dreierallianz_“, die zwischen diesen Gewerkschaften bereits 1914 geschlossen worden war. Als Ausdruck der düsteren Stimmung des Verrats wurde dieser Tag fortan als „_Schwarzer Freitag_“ bezeichnet. Die Bergleute wurden praktisch ausgehungert, um sie wieder an die Arbeit zu zwingen, doch das Schlimmste stand noch bevor.

Die Entscheidung des damaligen Schatzkanzlers Churchill, 1925 zum Goldstandard zurückzukehren, nachdem dieser zu Kriegsbeginn aufgegeben worden war, führte zu einer weiteren Aufwertung des Pfunds und beeinträchtigte erneut den Export von Kohle und Stahl. Anstelle eines Nachkriegswohlstands wurden daher im Juni 1925 weitere Lohnkürzungen für die Bergleute angekündigt. Anders als vier Jahre zuvor reagierten die anderen Gewerkschaften diesmal proaktiver. Um die Möglichkeit eines Generalstreiks in unmittelbarer Zukunft zu vermeiden, gewährte die Regierung Subventionen, um die Lohnkürzungen in den Bergwerken abzuwenden. Dies wurde jedoch von allen Seiten als vorübergehende Maßnahme verstanden, die das Unvermeidliche nur hinauszögerte. Während die Gewerkschaftsführer zögerten, nutzte die herrschende Klasse dies als Gelegenheit, Kräfte zu sammeln. Polizei, Armee und Marine wurden in Bereitschaft versetzt, und die rechtsgerichtete _Organisation for the Maintenance of Supplies_ (_OMS_) wurde von der Regierung kooptiert, um Freiwillige für die Streikbekämpfung zu rekrutieren (diese stammten hauptsächlich aus Schichten der Mittelschicht: verschiedene Fachkräfte, pensionierte Offiziere, junge Männer aus dem Finanzwesen und Universitätsstudenten).

Schließlich empfahl am 10. März 1926 eine von Stanley Baldwin, dem damaligen konservativen Premierminister, eingesetzte königliche Kommission die Einstellung der Subventionen und Lohnkürzungen von 13,5 %. Die Verhandlungen mit der Gewerkschaft scheiterten am 1. Mai, und die Bosse sperrten die Bergleute erneut aus. Der _Trades Union Congress_ (_TUC_), der die Verantwortung für die Führung des Konflikts zugunsten der Bergleute übernommen hatte, wollte einen Generalstreik vermeiden und versuchte, die Gespräche wiederaufzunehmen, doch seine Handlungsmöglichkeiten waren nun zunehmend eingeschränkt, und schließlich wurde eine „_koordinierte Arbeitskampfmaßnahme_“ zur Unterstützung der Bergleute angekündigt, die am 3. Mai beginnen sollte.

<h2>Der Generalstreik</h2>

"_Der Generalstreik ist eine Herausforderung an das Parlament und führt in Anarchie und Ruin_.(Baldwin, British Gazette, 6. Mai 1926)"

Am 3. Mai, eine Minute vor Mitternacht, begann der Generalstreik offiziell. Der Aufruf fand großen Anklang, und zwischen 1,5 und 2 Millionen ArbeiterInnen schlossen sich den Bergleuten an. Die Mehrheit von ihnen war im Transportwesen, in der Schwerindustrie und im Energiesektor sowie im Druck- und Baugewerbe tätig, doch der TUC ließ sie in gestaffelten Wellen die Arbeit niederlegen. Infolgedessen kam der öffentliche Nahverkehr fast zum Erliegen, und die überregionalen Zeitungen konnten nicht gedruckt werden (die Regierung musste die meisten ihrer Ankündigungen über das Radio verbreiten). Um die Kontrolle über die entfesselte Bewegung zu behalten, richtete der Generalrat des _TUC_ Unterausschüsse ein, um den Streik zentral zu leiten (die sich schließlich zum Streikorganisationskomitee unter der Leitung von Ernest Bevin von der _Labour Party_ zusammenschlossen). Tatsächlich organisierten jedoch die bestehenden Gewerkschaftsräte oder die neu entstehenden Aktionsräte die Dinge vor Ort. Die Unterscheidung zwischen diesen Gremien war nicht immer eindeutig:

"_Das leitende Gremium in jeder Stadt trug verschiedene Namen. Oft wandelte sich der Gewerkschaftsrat in einen Aktionsrat (in Ilford ein „Aktionskomitee“) um, und ein zentrales oder gemeinsames Streikkomitee arbeitete manchmal harmonisch (oder auch nicht) mit ihm zusammen. In Basingstoke gab es ein Wachkomitee, anderswo gab es in der Regel separate Streikkomitees für jede Branche – die manchmal keine gemeinsame Kontrolle akzeptierten. ... Diese Komitees oder Räte behielten ihren lokalen Charakter und waren nicht verbündet oder regional gesteuert, außer in Merseyside, Dartford (ein Divisionsrat) sowie in Northumberland und Durham (ein Generalrat)_. (Raymond Postgate, The Workers' History of the Great Strike, 1927)"

Die Arbeit dieser Aktionsräte, im Wesentlichen Streikkomitees, verlief alles andere als reibungslos. Obwohl bereits Ende 1925 einige wenige gebildet worden waren, entstanden die meisten erst nach Beginn des Streiks. Einige standen miteinander in Konkurrenz, andere vertraten lediglich die engen Interessen einer bestimmten Gewerkschaft. Und obwohl nicht alle zentralen Anweisungen stets befolgt wurden, konnten sie sich letztlich nie dem erstickenden Einfluss des TUC entziehen. In ihren besten Momenten ermöglichten sie jedoch die Koordinierung des Streiks über Branchen- und Berufsgrenzen hinweg, gaben eigene Streikbulletins heraus, organisierten Massenstreikposten, richteten Kantinen für Streikende und ihre Familien ein und schafften es in einigen Städten sogar, eine gewisse Kontrolle über den Personen- und Warenverkehr durchzusetzen.

Im Verlauf des Streiks kam es landesweit zu Zusammenstößen. ArbeiterInnen versuchten den Verkehr zu blockieren und gerieten in Auseinandersetzungen mit Streikbrechern. Die Polizei versuchte Streikposten mit Gewalt zu vertreiben, durchsuchte die Büros von Gewerkschaften und politischen Parteien und verhaftete ArbeiterInnen schon allein wegen der Verteilung eines Streikbulletins. Es kam zu Sabotageakten um den Zug- oder Busverkehr zu stoppen. Einige Aktionsräte bildeten ihre eigenen Arbeiterverteidigungskorps und Spezialstreikpostenkorps, um die herrschende Ordnung aufrechtzuerhalten.

Am 6. Mai erklärte Baldwin, dass „_die verfassungsmäßige Regierung von den Gewerkschaften angegriffen“_ werde. Am nächsten Tag teilte die Regierung den Streitkräften mit, dass alle Maßnahmen, die sie zur „_Unterstützung der zivilen Macht_“ ergreifen, ihre volle Unterstützung erhalten würden. Der _TUC_ reagierte darauf mit der Klarstellung, dass er „_nicht darauf abzielt, die verfassungsmäßige Regierung zu ersetzen_“, noch sei er „_bestrebt, unsere parlamentarischen Institutionen zu untergraben_“. Trotz all dieser Drohungen und Einschüchterungen wurde die Streikbewegung nur noch stärker. Auch die _OMS_, die für die Anwerbung von Freiwilligen zuständig war und von manchen als „_faschistische_“ Sturmtruppen angesehen wurde, konnte sie nicht neutralisieren: Den meisten Freiwilligen fehlte die Erfahrung, um die Aufgaben der streikenden ArbeiterInnen ordnungsgemäß zu erfüllen, und es kam natürlich nicht in Frage, dass sie in die Minen hinabstiegen.

Doch am 12. Mai traf sich der Generalrat des _TUC_ mit der Regierung in der Downing Street, und – ohne Rücksprache mit den streikenden ArbeiterInnen, ohne Garantien für eine Einigung zugunsten der Bergleute und ohne die Zusicherung, dass es keine Repressalien geben würde – wurde der Streik von den Gewerkschaftsführern abgeblasen. Diese Entscheidung stieß zunächst auf Unglauben und Verwirrung. Die vom _Newcastle Trades Council of Action_ herausgegebene „_Workers’ Chronicle_“ fand deutliche Worte: „_Nie in der Geschichte des Arbeiterkampfes – mit Ausnahme des Verrats unserer Führer im Jahr 1914 – gab es einen so kalkulierten Verrat an den Interessen der Arbeiterklasse, wie er uns diese Woche widerfahren ist_.“(2) Am 13. Mai schlossen sich mehr Menschen dem Streik an als an jedem Tag zuvor, was zeigte, dass der Kampfeswille nach wie vor groß war. Doch die Bewegung hielt nicht länger an, da es den Gewerkschaften und dem Staat gemeinsam gelang, die ArbeiterInnen wieder an die Arbeit zu bringen.

Die Bergleute, nun auf sich allein gestellt, weigerten sich weiterhin, die Lohnkürzungen zu akzeptieren, und blieben bis November ausgesperrt. Obwohl lokale Hilfsfonds eingerichtet wurden und einige Spenden aus der UdSSR eintrafen, zwangen Hunger und Armut sie schließlich zur Aufgabe.

"_Bis November gab es jeden Tag nur einen Krug Suppe; zweimal bekamen wir eine halbe Krone von dem Geld, das die Russen geschickt hatten, und ein- oder zweimal bekamen wir acht Shilling pro Schicht dafür, dass wir Kohleteer schaufelten, den die Krankenhäuser als Brennstoff verwenden durften. Und das war alles. Ich wohnte in einer Unterkunft für 2 Pfund pro Woche und musste hinterher jeden Penny zurückzahlen. Wenn man verheiratet war, war es noch schlimmer; man musste seine Möbel verkaufen; wenn man Sozialhilfe von der Gemeinde bekam, hieß es: `Den Teppich brauchst du nicht; wozu willst du diese schicken Vorhänge´?_ (John Campbell, ein schottischer Bergarbeiter, zitiert in: R.A. Leeson, Strike: A Live History, 1973)"

Die Niederlage des Streiks hatte auch weitreichendere Folgen. Die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder sank, und es machte sich Lethargie breit. Verfechter des kapitalistischen Systems, auch auf der linken Seite, jubelten und glaubten, dies sei der Sargnagel für die Vorstellung, dass Streiks etwas bewirken könnten. Und um ihren Sieg zu festigen, verabschiedete die Regierung das Gesetz über Arbeitskonflikte und Gewerkschaften von 1927, das Solidaritätsstreiks verbot und Massenstreikposten einschränkte (es wurde 1946 aufgehoben, aber unter Thatcher wiederbelebt).

<h2>Die politischen Akteure</h2>

Die _Labour Party_ wurde 1900 auf einer vom _TUC_ organisierten Konferenz als politisches Vertretungsgremium der Gewerkschaften im Parlament gegründet. 1924 gelang ihr mit dem kurzlebigen Kabinett von Ramsay MacDonald der erste Regierungsantritt (nachdem sie ein Misstrauensvotum verloren hatte, kehrte Baldwin an die Macht zurück). Obwohl er an sozialistischer Rhetorik festhielt, zeigte MacDonald schnell, auf welcher Seite des Klassenkampfs er stand: Seine Regierung weigerte sich, die Eisenbahnarbeiter in ihrem Konflikt zu unterstützen, und berief sich dann als Reaktion auf Streiks in den Häfen und der Londoner U-Bahn auf den „_Emergency Powers Act_“ von 1920. Kein Wunder also, dass sich die ArbeiterInnen 1926 nicht darauf verlassen konnten, dass Labour, die Partei der kapitalistischen Linken, sich auf ihre Seite stellen würde. Es gab auch die _Independent Labour Party_ (_ILP_), die vordergründig einen sozialistischeren Charakter hatte, aber im Wesentlichen eine Interessengruppe innerhalb der _Labour Party_ war, mit Mitgliedern, die Doppelmitgliedschaften hatten (bis ganz nach oben: MacDonald selbst war in der _ILP_). Obwohl die _ILP_ also ihre Unterstützung für den Streik zum Ausdruck brachte, vertrat sie eine Politik der Mäßigung und war von einer revolutionären Strategie weit entfernt.

ArbeiterInnen mit einer radikaleren Einstellung konnten sich der Kommunistischen Partei Großbritanniens (_CPGB_) zuwenden, die in den Monaten vor dem Streik die Notwendigkeit einer praktischen Vorbereitung des Kampfes ernster nahm. Tatsächlich wurde dieser Radikalisierungsprozess sowohl von _Labour_ (die Mitglieder der _CPGB_ präventiv aus ihren Reihen ausschloss) als auch von der konservativen Regierung (die führende Mitglieder der _CPGB_ präventiv verhaften ließ) vorausgesehen.

1924 gründete die _CPGB_ das sog „_National Minority Movement_“ unter der Leitung von Tom Mann, um ihren Einfluss in der ArbeiterInnenklasse und den Gewerkschaften auszuweiten. Es war diese Organisation, die die Initiative zur Gründung von Aktionsräten ergriff – obwohl die _CPGB_-Führung warnte, „_es dürfe keine dem Gewerkschaftsrat konkurrierende Organisation geben_“.(3) Und genau dies kennzeichnete die widersprüchlichen Perspektiven der _CPGB_ – einerseits befürwortete die Partei die Ausweitung des Streiks und dessen Umwandlung in eine mächtige Kampfwaffe; andererseits tat die Partei alles, um die Bewegung innerhalb der Grenzen der offiziellen „_Arbeiterbewegung_“ zu fesseln. Die Gründe dafür reichen zurück auf den verpfuschten Gründungsprozess der _CPGB_ im Jahr 1920 und die nun aus Moskau kommenden politischen Direktiven. Aufgrund des Scheiterns der revolutionären Welle in Europa und der Isolation der _UdSSR_ schrieb die _Dritte Internationale_ ihren angeschlossenen kommunistischen Parteien zunehmend eine Politik vor, die eher auf eine Beschwichtigung der kapitalistischen Welt als auf die Weltrevolution abzielte – im Vereinigten Königreich zeigte sich dies beispielsweise in der Gründung des _Anglo-Russischen Komitees_ im Jahr 1925, im Wesentlichen ein Versuch einer „_Einheitsfront_“ zwischen der Bürokratie der britischen und der sowjetischen Gewerkschaften. Obwohl also viele Mitglieder der _CPGB_ eine bedeutende Rolle in der Bewegung spielten, versagte die Partei als Ganzes darin, als verlässlicher revolutionärer Bezugspunkt zu dienen.

Die Politik der „_Einheitsfront_“ zwang die _CPGB_ dazu, die _TUC_-Führung und die _Labour Party_ als potentielle Verbündete zu behandeln. Als der Generalstreik mit einer Niederlage endete, gab es innerhalb der Partei interne Auseinandersetzungen darüber, ob sie genug getan hatte, um den „_Verrat_“ des Generalrats des _TUC_ anzuprangern, doch das Problem reichte tiefer. Die _CPGB_ verstand grundsätzlich nicht die strukturelle Rolle, die der _TUC_ als Vermittlungsinstanz zwischen ArbeiterInnen und Kapitalisten spielte. Die Führer des _TUC_ „_verrieten_“ die ArbeiterInnen nicht, sondern erfüllten vielmehr die Funktion, für die sie immer vorgesehen waren. Die _CPGB_ beschränkte ihre Analyse auf ein Versagen der Führung:

"_Dieser Streik wurde nicht durch die Macht der Kapitalistenklasse gebrochen, sondern durch das Versagen der rechten Führung. Das Versagen der rechten Führung ist kein vorübergehender Mangel an Mut oder Urteilsvermögen, sondern ein Versagen der gesamten Politik, die sie verfolgt hat_. (Exekutivkomitee der _CPGB_, „_Why the Strike Failed_“, _Workers' Weekly_, 4. Juni 1926)"

Natürlich wird hier die Ansicht zum Ausdruck gebracht, dass stattdessen KommunistInnen in Führungspositionen hätten sein sollen. Doch die Gefahren, die damit verbunden waren, waren bereits einige Jahre zuvor offensichtlich – 1921 war Robert Williams, der Vorsitzende der _National Transport Workers’ Federation_, der die berüchtigte Entscheidung traf, die Bergleute am „_Schwarzen Freitag_“ nicht zu unterstützen, selbst Mitglied der _CPGB_. Dafür wurde er aus der Partei ausgeschlossen und trat wieder der _Labour Party_ bei; doch hätten solche Vorfälle umfassendere politische Fragen aufwerfen müssen, nämlich ob es der Kommunist ist, der die Führung der Gewerkschaftsbürokratie verändert, oder ob es die Gewerkschaftsbürokratie ist, die den Kommunisten verändert. Als ob dies noch nicht genug wäre, forderte die _CPGB_, um die „_rechte Führung_“ herauszufordern... mehr Macht für den Generalrat des _TUC_ und eine weitere Verstrickung in die kompromittierte Labour-Partei!

"_Eine Kampagne zur Neuorganisation der Gewerkschaften für (1) 100-prozentigen Gewerkschaftsschutz, (2) die Übertragung größerer Befugnisse an den Generalrat, (3) die Stärkung lokaler Zentren der Solidarität der Arbeiterklasse durch die Schaffung mächtigerer Betriebsräte und Gewerkschaftsräte. ... Die Entwicklung einer linken Politik und Führung in der Labour Party, basierend auf einem Programm von Forderungen der Arbeiterklasse, das den Kapitalismus grundlegend herausfordert, sowie die Koordinierung der parlamentarischen Tätigkeit mit der Massenbewegung außerhalb des Parlaments_. (_CPGB_-Exekutivkomitee, „_Why the Strike Failed_, _Workers’ Weekly_, 4. Juni 1926)"

Mit anderen Worten: 1926 fehlte den militanten ArbeiterInnen eine politische Organisation, die unabhängig von der _Labour Party_ und ihren Gewerkschaften war. Gruppen wie die _Socialist Labour Party_ (_SLP_), die _Socialist Party of Great Britain_ (_SPGB_), Sylvia Pankhursts _Communist Workers’ Party_ (_CWP_) oder Guy Aldreds _Anti-Parliamentary Communist Federation_ (_APCF_) hatten sich bis dahin entweder aufgelöst, waren auf eine lokale Rumpfexistenz reduziert worden oder hatten es versäumt, nennenswert in die Bewegung einzugreifen. Die _APCF_ konterte den Slogan der _CPGB_ „_Alle Macht dem Generalrat_“ zu Recht mit „_KEINE Macht dem Generalrat_“ und „_ALLE MACHT der Arbeiterklasse durch ihre Streikkomitees und Massenversammlungen_“(4) – allerdings erschien die Sonderausgabe der Zeitung, in der diese Slogans vorgebracht wurden, erst vier Tage, nachdem der Streik bereits abgebrochen worden war. Auch die _SPGB_ äußerte sich nach dem Ende des Streiks dazu und fasste die wichtigste Lehre folgendermaßen zusammen: „_Vertraut, und ihr werdet verraten_“, und „_dieselben ‚Führer‘ denen die Macht anvertraut wurde, handelten genauso wie zuvor._“(5) Sie schlug jedoch keine alternativen Vorgehensweisen vor, die die ArbeiterInnen in ihrem Kampf hätten einschlagen können.

<h2>Die Lehren</h2>

"_Solange er andauerte, war er jedoch gut; eine geordnete Lebensweise, die darauf beruhte, nicht zu arbeiten. Es war so gut wie ein Universitätsstudium. Wir hatten Referenten zu Gast, wie Tommy Jackson, den marxistischen Dozenten, und wir waren ein gutes Publikum. Ein gefangenes Publikum sogar, denn wir konnten nirgendwo hingehen. Also nutzten wir die Zeit zum Lernen; selbst aus einer Niederlage kann man etwas lernen. Und man muss bedenken, dass alle großen Kämpfe jener Tage Rückzugsgefechte waren, die wir führten und verloren – 1921, 1925, 1926_. (John Collinson, ein Bergarbeiter aus Durham, zitiert in: R.A. Leeson, _Strike: A Live History_, 1973)"

Seit 1926 wiederholt ein Großteil der britischen Linken einfach die Linie der _CPGB_, dass die Niederlage des Generalstreiks auf ein Versagen der Führung zurückzuführen sei. Und jedes Mal, wenn es Anzeichen für verstärkte Arbeitskämpfe gibt, wie zuletzt während der Streikwelle 2022/23,(6) sind dieselben Forderungen an den _TUC_ zu hören, einen Generalstreik auszurufen. Mit anderen Worten: Die Lehren aus dem Jahr 1926 wurden nicht gezogen.

Im Gegensatz dazu schrieb die vor fünfzig Jahren damals gerade gegründete _Communist Workers’ Organisation_ (_CWO_):

"_Eine wertvolle Lehre aus dem Generalstreik war, dass er den Charakter der Gewerkschaften ganz deutlich aufgezeigt hat. Bei der Kritik an der Rolle der Gewerkschaften müssen wir deutlich klarstellen, dass es nicht einfach eine Frage schlechter, dummer oder reaktionärer Führer ist, sondern dass die Gewerkschaften selbst ein fester Bestandteil des kapitalistischen Staates sind. Wir streben keine Reform der Gewerkschaften an, sondern wollen sie zusammen mit allen anderen Aspekten des Kapitalismus abschaffen. Dass die Gewerkschaften eng mit dem kapitalistischen Staat verbunden waren, wurde vielen 1914 klar, als sie den imperialistischen Krieg geschlossen unterstützten. Doch für viele ArbeiterInnen kam die Erkenntnis über die neue Rolle der Gewerkschaften als Teil des Staates erst mit dem Generalstreik. ... Für die Gewerkschaften war der Generalstreik ein Bruch mit ihrer bisherigen Rolle des Parlamentarismus, ein syndikalistisches Missgeschick, das sich nie wiederholen darf. ... Für die Klasse kann der Generalstreik niemals der Weg nach vorn sein. Da er von den Gewerkschaften auferlegt wird, die den Kampf für den kapitalistischen Staat eindämmen wollen, spiegelt er nur die Schwäche und Demoralisierung einer besiegten Arbeiterklasse wider. Heute, da die ArbeiterInnenklasse weiterhin gegen die Angriffe des Kapitals kämpft, wird jede allgemeine Streikaktivität nicht das Ergebnis eines Aufrufs der Gewerkschaftsbürokraten zur `Aktion´ sein, sondern die Antwort der ArbeiterInnenklasse, ihre eigene Bewegung zu vertiefen und zu verallgemeinern, um sie auf eine höhere Ebene zu heben. Dies wird jedoch kein Generalstreik wie 1926 sein, sondern ein Massenstreik, der aus der Notwendigkeit entsteht, die Kämpfe der Klasse gegen den Staat zu vereinen_. (CWO, Workers’ Voice, Nr. 18, April/Mai 1976)"

Im Jahr 1926 fürchteten sowohl die herrschende Klasse als auch die falschen Freunde in der _Labour Party_ und der Gewerkschaftsbürokratie dasselbe: die organisierte Macht der ArbeiterInnenklasse. J. R. Clynes, Mitglied des Generalrats, brachte es auf dem _TUC_-Kongress 1925 auf den Punkt: „_Ich habe keine Angst vor der Kapitalistenklasse. Die einzige Klasse, vor der ich Angst habe, ist unsere eigene_.“(7)

Heute, genau wie vor einem Jahrhundert, ist es die historische Aufgabe der ArbeiterInnen, jene Macht wiederzuentdecken, die das Potenzial hat, die Grundlagen der kapitalistischen Weltordnung zu erschüttern und die Menschheit vor einer Zukunft endloser Kriege, Wirtschaftskrisen und Umweltzerstörung zu bewahren. _(Dyjbas)_

<h2>Anmerkungen:</h2>

(1) https://www.leftcom.org/de/articles/2012-01-29/the-great-unrest-1910-bi…

(2) Newcastle Trades Council of Action, _Workers' Chronicle_, 14 May 1926

(3) J. T. Murphy, "A Dangerous Situation: Confusion About Councils of Action", _Workers' Weekly_, 16 October 1925

(4) APCF, _The Commune Special Anti-Parliamentary Communist Gazette_, 16 May 1926

(5) SPGB, "The Result of "Trust": A Lesson of the Great Strike", _Socialist Standard_, June 1926

(6) https://www.leftcom.org/en/articles/2023-01-11/notes-on-the-uk-strike-w…

(7) J. R. Clynes, quoted in J. Klugmann, _History of the Communist Party of Great Britain_, Vol. 2, 1969

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